Hier dreht sich alles um Fernreisen abseits der Touristenströme. Unterwegs sind wir in einem Off Road fähigen Mercedes 917 Allrad, der zum Wohnmobil aus- und umgebaut wurde. Meine treue Begleiterin Vega, ein spanischer Tierheimhund, ist immer mit dabei. Nach unserer Transafrika Tour, die uns viele Reiseabenteuer und skurrile Geschichten, aber auch an den Rand des Abgrundes brachte, sind wir nun in Asien unterwegs. Von Südostasien aus werden wir versuchen einen Weg nach Hause zu finden …
Klare Luft, kühler Wind und Regen lassen uns den Kaffee am ersten Morgen in Nako geniessen. Wie meist lesen wir erst vor Ort, was der Reiseführer so zu sagen hat, zu unserer Strecke ist zu lesen: „…das ist sicherlich eine der gefährlichsten und haarsträubensten Strassen in ganz Indien und sogar eingefleischte Traveller sollen schon ihren Rosenkranz zur Hand genommen haben …“. Bei Regen wollen wir uns das nicht antun und beschließen, den Tag zu verbummeln. Was wir noch nicht wissen, wir haben gar keine Wahl! Die Trucker, die auch hier parken, erzählen, dass die einzige Strasse weiter nach Sumdo seit einem Tag wegen Erdrutsch gesperrt ist. Wir erkunden das Ganze und als erstes beobachten wir ArbeiterInnen, die mit einfachen Werkzeugen und Händen die Strasse von Felsbrocken räumen…und glauben deshalb gern, dass es durchaus einige Tage dauern kann! Diese Strecke ist bekannt für ständigen Steinschlag und das ist auch nicht verwunderlich, wenn man diesen bröseligen, gigantischen und steilen Hang über der Strasse sieht.
Wir sehen uns das gemütliche Nako an und Vega fühlt sich sichtlich wohl: kein Auto fahren, keine Hitze, lange Spaziergänge. Der Regen hört nicht auf. Trotzdem geniessen wir den „Urlaub“ hier. Als die Wolkendecke, in der wir manchmal mittendrin standen, endlich aufreisst, kommt ein Truck nach dem anderen auf den Platz gefahren…die Richtung aus der wir kamen, war auch kurz gesperrt wegen Erdrutsch. Wir hatten Glück! Auch wenn wir hier in Nako fest sitzen, ist es ein guter Platz. Unsere Energieprobleme lösen sich mit der intensiven Sonne auf den 3645 Metern und Solar auf dem Dach. Der kleine „dhaba“ (Imbiss) an dem Platz macht gut Umsätze mit uns und wir lernen die indo-tibetische Küche kennen.
Im Ort sammeln sich auch immer mehr westliche Touristen mit Fahrrad, Motorrad oder Pick Up, weil sie nicht weiter fahren können. Wir entdecken lecker Litschi-Saft, Wein aus Kinnaur Äpfeln (eine Flasche reicht aberJ), eine eiskalte und gesegnete Wasserquelle am kleinen See in der Dorfmitte. Der Anblick des alten Teiles von Nako erinnert uns herzerweichend an Tibet und von der Wirtsfrau mit dem dicken schwarzen Zopf bis zum Hintern bekommen wir ein Poster vom Dalai Lama geschenkt. Hier sehen wir sein Antlitz oft, in Tibet selbst ist sein Bildnis verboten!
Es werden immer mehr Trucks und Pick Ups auf dem Platz und es wird nervig. Wenn es morgens kalt ist, werden die Motoren gestartet, die Ruhe ist vorbei! Nirgendwo kann man jetzt mehr ungesehen in der Nase bohren, wir werden ständig beobachtet – indisch eben. Trotzdem nicht unfreundlich, wir bekommen einen Apfel spendiert und reparieren dafür an einem Armee-Truck die Spiegelhalterung…hier einen Maulschlüssel borgen, da ein Handy aufladen…wird langsam alles zur grossen Familie hier!
Die ersten Probleme treten auf, ein Ziegen- und Schaftransport macht Notschlachtungen und zu Utas Erleichterung werden die Viecher dann endlich raus gelassen und weiden am Hang.
Im Ort besuchen wir jeden Tag mit Hund Vega ihren Freund, einen älteren Kinnaur mit einem guten Souvenir Geschäft. Feine Dinge! Jeden Tag verhandele ich neu, der Alte lässt sich nicht klein kriegen! Er hat sehr schöne alte und neue Stücke aus Tibet, Kinnaur Gegend und Indien.
Sechs Tage sind nun vergangen und der Geduldsfaden einiger Fahrer reisst, irgendwie kommen auch ab und zu Infos durch, sie fahren los! Weit oben sieht man sie aber durchs Fernglas wieder stehen, bis….
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Das Kinnaur Tal erreichen wir nun, es ist bekannt für die Apfelplantagen. Gleich werden Äpfel erworben bei einem stilechten Kaufmann – Männer und Frauen tragen eine Mütze mit grünem Umschlag und rotem Rand. Boh, schmeckt so ein richtiger Apfel verdammt gut! Keine einheitlich runde und mehlige China Frucht, nein, unrund und vernarbt mit roten Backen und knackig sauer! Überhaupt frisches Obst und Gemüse aus dem Kinnaur Tal in jedem Ort und in selbst gefalteten Tüten aus Zeitungspapier verpackt! Auch wenn die grosse Schweinerei mit dem modernen Chipstüten-Müll so manches verdirbt. Eier kaufen wir in Indien ungern, sie schmecken nicht so gut und die Hühner haben keinen guten Status hier.
Da es noch einen Ort geben soll, wo wir das Permit für die grenznahe Strecke kaufen können, stürzen wir uns ohne Furcht auf die zu schmale Strasse mit Angst erregenden Überhängen, Abbrüchen und… einen Blick auf den gewaltigen Fluss Sutlej. Überall Baustellen, das gesamte Tal gehört der Energiegewinnung. Die Kraft des Flusses gebändigt, bringt sie die Energie von zwei Atomkraftwerken und versorgt mehrere Landesteile Indiens mit Strom. Auch Geld kommt damit in dieses Kinnaur Tal und die Leute drohen ihre alte Kultur zu verlieren. Rasend schnell verschwinden die heimelichen schiefer gedeckten Steinhäuser und weichen Beton und Wellblech. Auch in Kalpa, wo wir zwischen den Wolken kurz einen Blick auf den heiligen Berg Kinnaur Kailash mit seinen 6050 m werfen können, muss man zwischen den Apfelterrassen etwas Altes suchen.
In Recong Peo sind wir auf dem letzten Drücker vor dem Wochenende und bekommen mit einem Lächeln und einigen Unterschriften das nötige “Inner Line Permit“ für die Strasse an der Grenze zu Tibet. Typisch für Asien: jeder meint, etwas anderes wissen zu müssen, du musst nur solange suchen, bis der Richtige vor dir steht!
Ungefähr 80 km führt die Strasse in dem immer schmaler werdenden Tal des Flusses Sutlej am steilen Hang entlang. Gott sei Dank kommt uns selten einer entgegen und wir bemerken, dass hier schon im richtigen Moment an einer breiteren Stelle gestoppt wird und nicht wie indisch üblich, fahren bis man sich gegenüber steht und nichts mehr geht. Unterwegs halten wir an den „komfortabelsten“ Hot Springs, die uns bis jetzt begegnet sind! Am Hang hochklettern, in den kaputten Verschlag klettern und den sehr heissen Strahl ohne Verbrennungen auf sich verteilen! Es tat trotzdem gut, auch wenn wir jeden Tag im gut ausgerüsteten Wohnmobil duschen können, ist eben abenteuerlicher. Das Essen danach noch indischer! Unter dem Felsvorsprung ist eine Wellblech-Verkleidung zur Küche exponiert und das Essen schmeckt!
Es ist schon Nachmittag und wirklich überhaupt kein Stellplatz in Sicht! Das Tal wird immer enger und ab und zu zeigen sich einige „Leichen“ des gefährlichen Fahrens in dieser Gegend und Indien allgemein. Endlich verlassen wir den Weg des gigantischen Flusses Sutlej. An dem 3645 Meter hoch gelegenen, schönen Dorf Nako lassen wir am Rand eines Hubschrauberlandeplatzes die Flügel hängen und gehen mit Vega endlich weit spazieren mit Blick auf die 6000er um uns herum.
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Vor dem Mausoleum des berühmtesten Mogulherrschers – Akbar der Grosse – in Sikandra bei Agra, legen wir eine Kaffeepause ein. So ein sauberer, schattiger Platz hat schon Seltenheitswert in den Städten Indiens. Das grossartige Grabmal begann er selbst fertigen zu lassen, weisser Marmor und roter Sandstein sind in herrlicher Harmonie miteinander verarbeitet.
In Mathura, die Stadt liegt auf unserem Weg, wollen wir uns die Geburtsstätte des Hindu Gottes Krishna ansehen, kommen nur zu einer ungünstigen Zeit dort an. Über 40 Grad und kein Parkplatz für Expeditionsmobil mit Hund Vega in Sicht am späten Nachmittag. Mit dicken Augen und hängendem Unterkiefer fahren wir angenervt weiter.
Nach endlosem Stau hat uns die Metropole Delhi wieder, wo wir uns seit Beginn der Reise in den Momenten, in denen zu dicke Menschen ihre fetten Hunde angeleint im Park spazieren führen und danach in den Audi, Mercedes oder gar Porsche einsteigen, uns wie in Europa fühlen. Geld macht nicht zwangsweise glücklich im Herzen! In Delhi schnell ein Botschaftsbesuch und Einkauf, dann der Versuch den Highway 1 nach Norden zu finden. Einmal verfahren und du steckst in einer Marktstrasse fest! Das kostet Nerven und Zeit, wir kommen unseren „kalt“ ersehnten Bergen im Gebiet Himachal Pradesh im Norden nicht viel näher, wühlen uns schwitzend durch den Verkehr und die Baustellen.
Auf den Mopeds sitzen die Frauen überall seitlich auf dem Gefährt, noch ein Baby unter den Arm geklemmt, dann diese Fahrweise und schlechte Strassen dazu – dass sie da nie runter rutschen!? Aufgefallen ist uns, dass in Indien alles gebaut wird, ohne an irgendwelche Zusammenhänge zu denken, z.B. tolle neue Strasse! – aber dass das Regenwasser irgendwo hin muss…
Hinter der kleinen Stadt Kalka geht es bergauf, der Wind wird etwas frischer. In Shimla, ehemals Sommerhauptstadt der britischen Gesellschaft, suchen wir das Büro, dass uns das “Inner Line Permit“ kostenlos ausstellen kann – laut Reiseführer. Auf unserer Route nähern wir uns sehr der Grenze nach Tibet und diese Genehmigung muss man sich dafür einholen. Das Suchen und Finden der richtigen Person im richtigen Zimmer war schon einen Roman wert, die Erklärung, dass wir für zwei Personen und ohne Reiseagentur, dieses Permit gar nicht bekommen, eine noch nicht bekannte Variante. Unseren Frust lassen wir in einer Konditorei aus!
Die Nacht an einem Berghang mit einem wunderschönen Blick ins mit Wolken verhangene Tal bringt uns wieder Ruhe. Der Spaziergang mit Vega beschert uns frischen Thymian, wilden Majoran und Minze, endlich mal wieder Kräuter, hatte Uta bis jetzt vermisst. Es gibt hier wilden Hanf, da kann keine Nase daran vorbei, sehr intensiv! Nur was damit anstellen? Um die Ecke schauen „Baba“ und sein Komparse, Sadus, die hier ihren Tempel haben und ein kleines Bauprojekt auch mit Fotogeld finanzieren. Geld bekommen sie nicht viel von uns für den Beton, dafür Tee und Obst. Bei sprachlicher Möglichkeit, hätten wir gefragt, warum sie es nicht mit Schiefer und eigenen Händen nach alter Baukunst errichten… Apropos eigene Hände: die Granitsteine für den Bau werden von hand zerkleinert, die ganze Familie hockt an der Strasse beisammen und klopft die Steine klein, Tag für Tag und immer noch ein Lächeln dabei!
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